Weihnachtsbäume
Weihnachtsgeschenke ganz anderer Art
Schubkarre und Schneeketten unterm Christbaum
Damit hatten die Literaturpäpste weder hierzulande noch im Ausland gerechnet: Die Lebenserinnerungen einer Bäuerin als Bestseller. 1984 erstmals erschienen und in der Folgezeit mehrfach neu aufgelegt, stellte Anna Wimschneider mit ihrer Autobiografie Herbstmilch so manche international berühmte Autorinnen und Autoren in den Schatten. Die realistische Wiedergabe eines überwiegend harten Lebens, über das sie schrieb, wie ihr der niederbayrische Schnabel gewachsen war, wurde 1989 unter der Regie Josef Vilsmeiers verfilmt ... erfolgreich. Der Hessische Rundfunk über den Lebensbericht einer in vielfachen Hinsicht ungewöhnlichen Frau vom Lande: " ... Diese Lebenserinnerungen einer Bäuerin verklären nicht, im Gegenteil. Ihr Fazit: ‘Wenn ich noch einmal zur Welt käme, eine Bäuerin würde ich nicht mehr werden’ ist deutlich genug. Empfohlen seien sie darum auch denjenigen, die aus falschverstandener Romantik das ‘einfache Leben’ auf dem Lande verklären."
Selbst der Rezension des Nachrichtenmagazins ‘Der Spiegel’, sonst gerade in diesem Bereich nicht die Samthandschuhe anziehend, läßt eine atypische Emotion spüren: " ‘Herbstmilch’ ist ein Dokument ganz eigener Art, mit dem Reiz einer Sittengeschichte fremder Völker: Es liefert Anschauungsmaterial, wie das Leben in Deutschland vor 50 Jahren noch sein konnte, nämlich wie vor 500 Jahren – mittelalterlich." Da diese Rezension nun auch schon wieder eine Weile zurückliegt, müßte man heute schreiben: Vor etwa 70 Jahren – ausgehend von den Zwanziger und Dreißiger Jahren, zu Beginn der Erinnerungen Anna Wimschneiders.
Natürlich findet sich in Anna Wimschneiders Autobiografie auch das Erinnern an die Weihnachtstage: In einer Weise, die besonders für die junge Generation unserer Tage kaum oder gar nicht vorstellbar ist. So schreibt Anna Wimschneider, als der Zweite Weltkrieg tobt: „Als das erste Weihnachtsfest nach unserer Hochzeit kam, da war mein Mann bereits am Westwall und hat mir einen langen Brief geschrieben. Es ging damals recht still zu und mit meiner Schwiegermutter [das Verhältnis war nicht das beste, Anm. d. Verf.] kam ohnehin keine Weihnachtsstimmung auf. Einen Christbaum hatten die alten Leute nicht für nötig gehalten, so war es für mich eher ein trauriger Tag."
Schlechte Zeiten, gute Zeiten. Anna Wimschneider beschreibt sie so, wie sie waren – ehrlich und ohne jede Effekthascherei: "Nach dem Krieg gab es das erste schöne Weihnachten mit einem Christbaum, mit Kerzen und Glaskugeln. Unser erstes Kind, die Carola, war vier Jahre alt und konnte es kaum erwarten, bis sich die Tür zur Stube öffnete, wo das Christkind den Baum hergerichtet hatte. Doch was sie sah, übertraf ihre Vorstellungen, mitten im Lauf blieb sie stehen, und ich hatte Tränen in den Augen."
Und was würden wohl die Yuppies unserer Tage zu den Geschenken sagen, mit denen sich die Wimschneiders Freude (echte Freude!) bereiteten?
"Nun wurde Weihnachten" , schreibt Anna Wimschneider, "immer sehr schön gefeiert ..., es kam ja nicht auf die Geschenke an. Mein Mann bekam einen Rasierpinsel von mir, der Onkel Schnupftabak, und wir haben uns einige Flaschen Bier und ein Pfund Aufschnitt geleistet. Im übrigen wußten wir in den ersten zehn Jahren gar nicht, was Bier kostet, wir haben sonst nie eins gekauft. Daß einer täglich sich nach Feierabend ein Bier leistete, das war schon allerhand."
Die Zeiten mochten besser geworden sein, doch blieb es – bei mancher Verbesserung – beim harten Existenzkampf: Der Erhalt des Bauernhofs durch Arbeit von (sehr) früh bis (sehr) spät bestimmte das Leben der Wimschneiders ... und worum es ging, zeigte sich auch an Weihnachten. Hätten die bereits erwähnten Yuppies gesehen, was Anna ihrem Mann unter den Weihnachtsbaum legte, wären sie vollends aus den Armani- oder Gucci-Schuhen gekippt: "Mein Mann hatte eine hölzerne Mistkarre ..., da habe ich heimlich vom Eiergeld gespart und unter den Christbaum eine gummibereifte eiserne Schubkarre hingestellt, so etwas gab es damals noch ganz selten. Das hat ihn mehr gefreut als alles vorher und nachher, und noch heute ist die Karre in Betrieb ... Ein anderes Mal, als wir schon den Traktor hatten, habe ich schon den ganzen Sommer über gespart, und dann lag unter dem Christbaum ein Säckchen, das war sehr schwer, und was war drinnen? Zwei Schneeketten für den Schlepper, denn meinem Mann waren die immer zu teuer, und nun bekam er sie geschenkt."
Schnupftabak, Schubkarre oder Schneeketten: Recht hat sie gehabt, die Wimschneider-Bäuerin – nicht auf die Geschenke kommt es an, sondern auf den Sinn des Schenkens ... die Freude daran, Freude zu bereiten. Zum Beispiel eine solche Freude, wie sie das kleine Wimschneider-Töchterchen beim Anblick des Weihnachtsbaums empfand ... und damit auch ihre Eltern.
Weitere Informationen über 400 Jahre Christbaum-Tradition unter www.original-nordmann.de
Mehr Infos:
Informationszentrum Nordmanntanne
Breitenende 1
21493 Talkau
www.original-nordmann.de
© August 2006 - Informationszentrum Nordmanntanne
zurück



