Weihnachten für alle Sinne

Weihnachtsbäume

Wenn der Christbaumschmuck sich mausig macht ...

© Informationszentrum Nordmanntanne

Um kaum ein anderes Fest ranken sich so viele Legenden und Erzählungen, aber auch ganz persönliche Geschichten und Erinnerungen wie um das Weihnachtsfest: Man könnte Bücher mit ihnen füllen ... doch halt, solche gibt es ja auch schon und gewiß nicht wenige.

Der Verfasser selbst erinnert sich an ein – durch und durch wahres – Erlebnis, das zwar dem seinerzeit Betroffenen noch heute eine Gänsehaut macht, die damals versammelten Mitglieder der Familie aber gewissermaßen als unerwartetes Theaterstück in größte Heiterkeit versetzte: „Der Vater hatte uns zwei Jungs – meinen Bruder und mich – damit beauftragt, den durch vieles Umräumen ausgerechnet vor dem Schmücken des Weihnachtsbaums vermißten Karton mit dem dringlichst benötigten Christbaumschmuck zu suchen. Nicht nur die Verantwortung lastete schwer auf uns beiden, sondern auch die unausweichlich drohende Mühsal. Denn bekannt war ja an sich schon, in welchem Teil des Hauses sich der ominöse Karton befinden mußte – auf dem Speicher (hochdeutsch: Dachboden). Wer die mittelalterlichen Häuser niederbayerischer Städte mit ihren festungsdicken Mauern, mit ihren Gewölben und ... natürlich ... mit ihren nicht gerade kleinen Speichern kennt – samt all jener langbeinigen Krabbeltiere, von den Gespenstern der Vorfahren ganz zu schweigen, hätte sicher Verständnis für die gemischten Gefühle von uns zwei ansonsten eher rauhbautzigen Buben im zarten Alter von Sieben und Elf gehabt. Doch ging es besser als gedacht – erst einmal über die schmale, ausgetretene, unheilvoll knarrende Holzstiege hinaufgeklettert und im Chaos der verlorenen und vergessenenWelten angelangt, trotzten wir in dem düsterdumpfstaubigen Inferno allen Angreifern, ob Weberknechten, Spinnennetzen, Staubschleiern und -wolken oder uns bösartig fixierenden Obristen mit Helm und Säbel (in Öl verewigte Ahnen). Ja, wir wurden sogar wieder zu dem, was wir auch sonst immer waren – Abenteurer auf großer Schatzsuche – und hätten so selbst dem früheren Huckleberry Finn und dem späteren Indiana Jones alle Ehre gemacht.

Wer den Schatz fand, um den vor allem die Großmutter bangte – wegen der unersetzlich wertvollen böhmischen Christbaumspitze – weiß ich nicht mehr. Stolz und rauhbeinig wie Landsknechte polterten wir mit der Schatzkiste in staubfreie, von vielfachen Weihnachtsdüften erfüllte Gefilde zurück.

Nachdem wir als wahre Helden gebührend von den Eltern, Großeltern, Schwägern und Schwägerinnen, Cousinen, Nichten, Neffen und was nicht noch alles sich zum Fest eingefunden hatte gefeiert worden waren, ließ es sich mein Abenteurer-Gefährte, im Zivilberuf älterer Bruder, nicht nehmen, den großen Karton mit dem Christbaumschmuck zu öffnen. Er tat das auch eine ganze Weile mit Fleiß und Hingabe und Perlen-ketten, Christbaumspitze, Rauschgoldengel und vieles mehr wanderte, von Watte oder Zeitungspapier befreit, aus seinen Händen in diejenigen der emsigen Angehörigen der Putzkolonne. (Nachzutragen ist noch, daß mein Bruder und ich Schlafanzüge anhatten, was für den weiteren Verlauf der Geschichte von Bedeutung ist.)

Mit einem Mal ertönte ein fürchterlicher Schrei und noch einer und noch einer und dazwischen diverse andere Geräusche des abgrundtiefen Schreckens – all das ausgehend von meinem Bruder, der parallel zu dieser Kakophonie auch noch begonnen hatte, einen wilden Veitstanz aufzuführen, mit seinen Händen an die Beine und Ärmel des Pyjamas fuhr, hineinzugelangen versuchte, verzerrten Gesichts schreiend und heulend, so daß man um das vorzeitige Ableben der Großeltern fürchten mußte. Als aufmerksamer Beobachter war mir nicht entgangen, daß sich sein Schlafanzug hier und dort und da auf merkwürdige Weise ausbeulte, wieder eindellte, woanders neue Beulen zeigte ... Beulen, die sich ganz ohne Zweifel bewegten. Meinem Vater war die Sache inzwischen klar geworden – er hatte keine Einwände, obwohl es an sich nicht schicklich war, daß sich mein von unsichtbaren Kobolden gepeinigter Bruder schließlich ganz und gar von seinem Schlafanzug trennte ... was allerdings zu neuem Geschrei führte, dieses Mal hauptsächlich von den Frauen (nicht allen, das muß gesagt werden!).

Auf dem Boden, an den Vorhängen, unter dem Kanapee (heute: Couch) meines Großvaters, unter Tischen und Stühlen des zum Weihnachtssaal avancierten Wohnzimmers meiner Großeltern wuselte und wieselte es: Graubraune oder braungraue Flitzdinger in diversen Grössen, aber einem gemeinsamen Nenner – dem langen, dünnen Schwanz.

Die Jagdsaison hatte begonnen. Vorüber war die Schonzeit für Mäuse, die sich in dreister Weise als Christbaumschmuck getarnt hatten.

Mein Großvater, der Herrenschneidermeister, schwang seine größte Schere, was ihm mißbilligende Blicke seiner Gattin einbrachte, die mit einem Besen, der ihre 1,45 Meter um einiges überragte, mehr Erfolg hatte.

Das Massaker am Heiligen (?) Abend nahm seinen Verlauf und da irgendein Unvorsichtiger die Wohnzimmertüre geöffnet hatte, setzte es sich nun über die dritte und zweite Etage bis ins Parterre fort und von dort aus – gerade, als einer meiner zünftig niederbayrischfestlich gewandeten Onkel die schwere Haustüre öffnete und ihm das ‘Frrölliche Woahnachtn olle mitanand’ im Hals steckenblieb, hinaus in die Gasse.

Auf eine weitere Verfolgung in das Labyrinth der Gassen und Gäßchen unserer Heimatstadt wurde, schon wegen der fortgeschrittenen Zeit, verzichtet, was einer nicht geringen Zahl von langschwänzigen Christbaumschmuckmäusen das Leben rettete.

So langsam kehrte dann auch wieder Ruhe ein, der Christbaum konnte – ohne allzu bewegliche Elemente – geschmückt werden, mit Großmutters geliebter Spitze gekrönt und meines Bruders Elend durch das Ausschlecken der Plätzchenteigschüssel gelindert werden. (Natürlich hießen die Plätzchen bei uns nicht Plätzchen, sondern Gutsln, was kaum ein Preuße, meinen Vater vielleicht ausgenommen, aussprechen kann.)

Und jetzt, da wieder eine weihnachtliche und keine animalische Atmosphäre herrschte und in den Gesichtern der Angehörigen unserer Großfamilie die Vorfreude, als man noch einmal das Geschehene Revue passieren ließ, einerseits lachend oder sich seiner Heldentaten rühmend, andererseits den "armen Buben", meinen Bruder, noch mit dieser oder jener Schleckerei verwöhnend, was mich verständlicherweise langsam eifersüchtig werden ließ ... jetzt, in dieser wiederhergestellten, mausfreien Harmonie ... jetzt kam auch, ebenfalls auf Gutes hoffend, jenes großköpfige, schwergewichtige Familienmitglied von seinem Lieblingsplatz hinter dem Herd hervor – unser allseits beliebter, aber offensichtlich zu dieser Zeit schon pensionierter Hauskater.

Weitere Informationen über 400 Jahre Christbaum-Tradition unter www.original-nordmann.de

 

Mehr Infos:

Informationszentrum Nordmanntanne
Breitenende 1
21493 Talkau
www.original-nordmann.de

 

 

© August 2006 - Informationszentrum Nordmanntanne


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